Code Orange – Forever

15493497_1303276016380782_296256132319311409_oIn jeder Bandlaufbahn kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss, ob man stumpf das alte Erfolgsrezept weiter ausreizt oder gemeinsam neue Wege einschlägt, neue Inspiration zulässt und sich selbst neu erfindet. Wenigen Bands gelingt letzteres, Code Orange hingegen haben diesen Schritt mehr als nur gemeistert. Mit Forever schafft die Band sich ein Monument, das noch weitere Jahre den Hardcore maßgeblich beeinflussen wird.
Forever ist geradlinig, aber experimentierfreudig, es ist erwachsener aber gleichzeitig verdammt viel offener und inspirierter als noch der Vorgänger I AM KING. An der ein oder anderen Stelle hört man auch das Indierock Sideproject Adventures durch. Diese Stellen halten sich aber in Grenzen.

Nach diabolischem Sample legt Forever mit dem Titeltrack und extrem verzerrtem Bass und Gitarre los. Das Schlagzeug treibt unaufhörlich nach vorne. Der düstere Bass und die angezerrte Stimme sorgen für eine dunkle und schwere Stimmung. Die Texte handeln von Schmerz und Verlust und durch das Album zieht sich ein roter Faden aus Wut und Verzweiflung. Das Sample vor dem Doom-lastigen Breakdown läutet den Weltuntergang ein und der Aufbau hin zum Schluss des Songs zeigt, was Code Orange für ein interessantes und ideenreiches Songwriting beherrschen.
Kill The Creator steht dem ersten Song weder in Härte noch in Tempo nach. Wer denkt Code Orange hätten all ihre Ideen zu Anfang verblasen wird hier eines besseren belehrt. Die Samples ziehen sich als Thema durch das ganze Album und gerade als man sich von den ersten Songs windelweichgeprügelt wiederfindet, lockern Code Orange ihre Songstrukturen auf, werden eingängiger und lassen Melodien durchblicken. Real sorgt für die bislang düsterste Stimmung auf Forever und die fast zur Unkenntlichkeit verzerrte Stimme könnte kaum atmosphärischer sein. Real wäre der perfekte Titelsong zu einem der vielen neunzigerjahre Slasherfilme, so sehr strotzt der Track vor Härte und Dunkelheit.

Wenn dann im letzten Drittel der wütende Breakdown ansetzt fragt man sich, wann man zum letzten Mal so verdammt viel Energie auf einem Hardcorealbum gehört hat.
Ganz klarer Pluspunkt für Code Orange ist die emotionale Bandbreite, die Forever abdeckt. Hätte die Hardcore-Sludge Mischung nach einigen Songs abgegriffen gewirkt, weiß die Band ganz genau wann es Zeit für neue Ideen und Experimente ist. Aber trotz aller Einflüsse und Stimmungslagen wirkt alles stimmig und in sich geschlossen. Songs wie Bleeding In The Blur fallen weder aus dem Gesamtkonzept, noch empfindet man sie als störend oder zu soft. Rebas Stimme lässt neben oben erwähnten Adventures auch einen Hauch Alice In Chains durchblicken.
Elektronische Spielereien wie das Intro von The Mud lockern die stampfenden und messerscharfen Riffs etwas auf und Sorgen für weitere Abwechslung. Code Orange verballern hier mehr Ideen in dem Aufbau zur Strophe, als die meisten Bands auf einem ganzen Album. Immer wenn man denkt man weiß, was einen erwartet überrascht die Band mit einer neuen Wendung im Songwriting.

Jetzt gibt es natürlich eine Menge Alben, die experimentieren, Ideen verarbeiten und Grenzen einreißen, aber nur einige wenige davon haben auch das Zeug dazu voll und ganz zu überzeugen. Oft schaffen es Bands nicht ihren eigenen Stil konsequent weiterzuentwickeln und die oben genannten Einfälle auch in ein Klanggewand zu packen, das auch den Hörer überzeugt. Code Orange schaffen hier, was selten gelingt: sie sind eingängig und überzeugen beim ersten Hördurchlauf, bleiben aber vielschichtig und interessant genug für viele weitere Hördurchgänge. Seit zwei Wochen läuft Forever jetzt rund bei mir und ich entdecke ständig neue Feinheiten und Details.
Als Fan der ersten beiden Alben hatte ich etwas Angst vor Forever, da das dritte Album oft den Knackpunkt in einer Bandkarriere darstellt. Viele laufen Gefahr hier zu wiederholen und abgegriffen zu wirken, aber Code Orange entwickeln sich und wachsen weit über sich hinaus.

Egal was dieses Jahr noch auf dem Plattenteller liegt, es wird sich mit Forever messen müssen.

Marv

Tracklist:
01. Forever
02. Kill The Creator
03. Real
04. Bleeding In The Blur
05. The Mud
06. The New Reality
07. Spy
08. Ugly
09. No One Is Untouchable
10. Hurt Goes On
11. Dream2