Incendiary – Thousand Mile Stare Review

Incendiary PromoKaum ein Album hat den Bekanntheitsgrad einer Hardcore-Band in den letzten 10 Jahren derart vergrößert wie Incendiarys 2013er Output Cost of Living. Der harte, düstere Sound aus New York mit der gewissen Portion Rotzigkeit passte einfach wie die Faust aufs Auge der gegenwärtigen Szene. Mindestens ebenso verantwortlich für diese Entwicklung war jedoch die angepisste, ehrliche Attitüde der Band, welche ganz klar in den Lyrics zum Vorschein kommt. Kritik an staatlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung ist zeitlos und so brannten sich Zeilen wie „You killed the very person that you swore to protect“ und „Suffer oppression from the politics of fear -The generation of hopelessness is here“ bereits beim ersten Durchlauf ins Gedächtnis der Hörer ein.

Die Ehrlichkeit und der zeitgemäße Kontext sorgten entsprechend dafür, dass Incendiary zum internationalen Geheimtipp wurden, sich auf Tour durch ihre Vollzeitjobs jedoch verhältnismäßig rarmachten, zumindest im Vergleich zu vergleichbaren Genrekollegen. Nichtsdestotrotz erhielt sich ein gewisser Hype um die Band in den folgenden Jahren – vielleicht ist es inmitten der Übersättigung an Livebands, welche konstant in Mitteleuropa auf Shows erreichbar sind gar keine schlechte Werbung, nur im dezenten Maß zu erscheinen – wodurch der Nachfolger Thousand Mile Stare (Release: 5. Mai 2017) durchaus sehnlich erwartet wurde.
Die ersten Leckerbissen hierzu ließen bereits aufhorchen, beispielsweise ‚The Product Is You deutete an, dass man die selbe Portion Wut im Bauch auch auf der neuen LP erwarten durfte. Enttäuscht wurde man hier definitiv nicht, Incendiary leisten sich keine Verschnaufpause. Anstatt ein zwei Songs einzuschieben um die verzweifelt-aufrührerische Stimmung zu lockern wird konstant geklagt, angeprangert und zum Gegenangriff geblasen.

Sänger Brendan Garrone sorgt mit seiner unverwechselbaren Stimme für das Gefühl, 10 Songs lang persönlich durch die Lautsprecher beschuldigt zu werden. Neben einem eigenständigen Sound sorgt das gleichzeitig dafür, dass die Band einen Eindruck von Authentizität hinterlässt. Wie die Band in einem Interview auf clrvynt verrät, steht diese 100%-Mentalität auch klar in ihrem Fokus: “We’d rather be shot than play a bad tour, not because I’m a cool guy, but because it looks miserable. So, we don’t have to worry about anything like that. The things that we do are 100 percent sincere. We got no dog in the race, man.” (clrvynt.com/incendiary-interview/)
Ebenso ist es natürliches Verhalten der Fans, auf dem nächsten Album einer neuentdeckten Band mindestens die selbe – wenn nicht die nächsthöhere Stufe an Qualität zu erwarten. Dass dies vollkommen subjektiv, beziehungsweise ein reines Fantasie-Konstrukt ist und dafür sorgt, dass Bands oft in dem Versuch verloren gehen, es allen recht zu machen, ist kein neues Phänomen. Entsprechend klug war es von Incendiary, von vornherein derartige Einflüsse auszublenden und sich auf das eigene Schaffen zu konzentrieren: „We’re not trying to reinvent the wheel here. We’re trying to hone in and craft what we’ve been working on.”

Glücklicherweise dürften Fans des Vorgängeralbums mit dem Ergebnis nicht allzu viele Probleme haben. Das Rad wird auf Thousand Mile Stare sicher nicht neu erfunden, dafür arbeiten Incendiary weiter nach der Anleitung die sie für sich selbst entwickelt haben. Das Album verzichtet auf einzelne Hitsingles welche man für das Internet und die kurze Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Musikhörers ins digitale Schaufenster stellen könnte. Stattdessen hat jeder Song seine Momente und Riffs, weder gibt es einen wirklichen Tiefpunkt, noch grobe Enttäuschungen für Fans harter, ehrlicher Musik.

Allerdings fällt hier natürlich wieder der subjektive, emotionale Aspekt des Musikhörens ins Gewicht, der sogenannte ‚Geschmack‘. Wem Cost of Living kein Fäusteballen entraubt hat, der wird auch hier keinen neuen Favoriten finden. Wer jedoch auf eine Weiterführung des 2013er Sounds gehofft hatte wird an beiden Alben noch lange Freude haben. So gesehen kann man Incendiary keinen Vorwurf machen: Plan erstellt – Plan durchgezogen. Weil das Album in dieser Hinsicht trotz allen Lobes keine große Schippe draufsetzt vergeben wir hier 8/10 Punkte, auch wenn man in der richtigen Stimmung geneigt ist hier überschwängliche Hymnen auf den erfrischenden Sound der Jungs aus Long Island zu singen.

Fun Fact: Wrestling-Fans konnten sich bereits zu NXT Take Over (WWE Event) über die Beteiligung von Sänger Brennan beim Entrance-Song von Neu-Star Aleister Black freuen:

Tracklist:
1. Still Burning
2. Hanging From The Family Tree
3. Front Toward Enemy
4. Awakening
5. The Product Is You
6. No Purity
7. Hard Truths Cut Both Ways
8. Sell Your Cause
9. Fact Or Fiction
10. Poison

Autor: Flo
Band: Incendiary
Label: Closed Casket Activities 
Release:12.05.2017